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Wunderbare Konzerte
In Eppstein gibt es einen Bahnhof. Seit Jahrzehnten ist er jeden Morgen mein Ziel, um den Weg zur Arbeit anzutreten. Aber in den letzten Jahren ist er auch immer öfter abends mein Ziel, um ganz hervorragende Live-Musik zu erleben. Er ist ein musikalisches Zentrum geworden, weit über die Grenzen des Main-Taunus-Kreises hinaus.
Es begann damit, dass vor eingen Jahren die Stadt Eppstein eine Menge Geld in die Hand genommen hat, um den Bahnhof zu renovieren. Ein Bürgerbüro und eine RMV-Verkaufsstelle wurde im Erdgeschoß eingerichtet und im ersten Stock ein Lokal. Aber nicht irgendein Lokal: Die Wunderbar Weite Welt - alles andere als eine Bahnhofskneipe. Tolles Ambiente und bei gutem Wetter ein Biergarten mit Blick auf die Altstadt von Eppstein.
Nur ist mir als Vockehäuser der Blick auf die Altstadt von Eppstein völlig wurscht. Was mich allerdings begeistert, sind die vielen Konzerte, die Ralf Otto, Sylvie Schramm, Anne Dembczyk und das Team dort veranstalten. Große Namen aus dem Bereich Americana, Singer/Songwriter, Roots- und Bluesrock stehen auf der kleinen Bühne, die tagsüber als Kinderspielecke dient. Eine sehr intime Atmossphäre und man spürt, dass das den Künstlern gefällt. Es gibt keinen Abstand zum Publikum - man begegnet sich auf Augenhöhe und kann die Reaktion des anderen unmittelbar aufnehmen. Das führt dazu, dass so mancher Künstler auch ins erzählen gerät - Storyteller eben. Und ich habe schon über viele Anekdoten Tränen gelacht.
Hier eine kleine Aufstellung verschiedener Konzerte, die ich im Laufe der Zeit dort gesehen habe. Sie ist absolut nicht vollständig.
Jackie Leven - Ich kenne einige seiner Songs schon seit Jahren und immer wenn ich eine Ankündigung lese, dass er in meiner Nähe auftritt, nehme ich mir vor, hinzugehen. Aber Du weisst ja selbst, wie das ist. Vornehmen und Hingehen sind zwei verschieden Welten. Aber jetzt und hier, nur gut 5 Gehminuten von zuhause entfernt, bin ich natürlich dabei. Ich hatte nicht mit so großem Andrang gerechnet, aber ich ergatterte gerade mal einer der letzten Karten. Was hätte ich verpasst: ein Mann, den das Leben gezeichnet hat und der genau daraus seine Songs entstehen lässt. Er schlägt seine Zuhörer in seinen Bann, faszieniert und unterhält. Einfach zum wegschmeißen seine Geschichte vor seiner Zugfahrt mit Bob Dylan nach Moskau - ob sie wahr ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle.
Zum Abschluß des Abends erzählt er, warum er keine Zugaben gibt: Nach einem schönen Abend mit Freunden trinkt man das letzte Bier, verabschiedet sich an der Tür und hofft, dass man sich bald wiedersieht. Der Gastgeber schließt die Tür und denkt sich, was für ein toller Abend. Er geht auf`s Klo und gerade als er dort sitzt, klingelt es an der Tür. Draußen stehen die Freunde: "Noch einen, komm, one more..".
Band of Heathens - Eine junge Band begeistert. Sie haben schon einige Fans, die von Konzert zu Konzert mitreisen. So kann man im Gästebuch bei Bluerose-Records nachlesen, dass das Programm in Eppstein nicht so rockig war als in Aschaffenburg. Die Band hätte sich an die Nähe zum Publikums erst gewöhnen müssen, aber dann einen ganz tollen Set gespielt. Genauso war es, groovende Musik im Geist von Little Feat - diese Leichtigkeit, diese Virtuosität - ein ganz großer Abend.
John Dee Graham - Was für ein Spaß! Der Künstler hat schon ein bißchen was getrunken, als er auf die Bühne kommt und ist bester Laune. Er ist eine echte Persönlichkeit und ein begnadeter Entertainer. Als ein Besucher während des Konzertes auf die Terasse geht, um eine zu rauchen, wendet er sich ans Publikum und fragt, wo dieser Mann jetzt hingeht. “He is smoking” lautet die Antwort. Jon schnappt sich seine Packung Zigaretten und folgt dem Mann auf die Terasse, mitten im Song. Die Band ist einen Moment perplex, spielt dann aber seelenruhig weiter, bis der Chef zurück kommt.
Und dann erzählt er, wie zum ersten mal nach Eppstein kam. Er sah die Burg und war begeistert. Dort ein Konzert, ja das wär was. Aber dann musste er feststellen, dass es doch nur ein “Fucking Railway Station Gig” war.
 
Timmy Rough war zunächst nur ein Lückenbüßer. Denn eigentlich sollte Cindy Bullens an diesem Abend spielen - eigentlich! Aber sie sagte - wieder einmal ab, aus welchen Gründen auch immer. Statt dessen stand eine ganz besondere Rock`n Roll Band auf der Bühne. Frontman Timmy Rough erinnert mich sofort an Kid Rock und auch im Laufe des Abends verstärkt sich dieser Eindruck immer mehr. Eine klasse Performance, Partystimmung mit Augenzwinkern und eine musikalisch hochwertige Darbietung. Aus jedem Song holt die Band immer wieder etwas ganz besonderes heraus. Und das beste: Die Playliste besteht aus Songs, die man zwar kennt, aber nicht andauernd serviert bekommt - Classic (Southern) Rock -frisch und voller Energie. Meine Lieblingssongs: Can`t you see (Marshall Tucker Band) und She talks to angels (Black Crowes)! Diesen guten Eindruck konnte die Band beim Wunderbar weiten Welt-Festival noch verstärken.
Zed Mitchell spielt eine gute Bluesgitarre. Allerdings könnte der Frauenschwarm gern auch mal etwas härter rangehen - an die Gitarre natürlich. Ein schöner Abend, der besonders deswegen in Erinnerung geblieben ist, weil wir die Hövels Vorräte der Wunderbar fast vollständig geleert hatten. Da man ja mit den Daten im Internet vorsichtig seien soll, verschweige ich die Anzahl der Flaschen, die ich und meine Freunde verkonsumiert haben.
Soviele Geschichten um die tollen Konzerte in der Wunderbar - aber keine Zeit sie alle aufzuschreiben. Lassen wir die Bilder für sich sprechen!
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